Kalk in der Schulter, auch Kalkschulter oder Schulterverkalkung genannt, ist eine Beschwerde, bei der sich Kalk in einer der Sehnen der Rotatorenmanschette ablagert. Meistens sitzt er in der Supraspinatussehne, der Sehne, die den Arm zur Seite hebt. Viele laufen mit Kalk in der Schulter herum, ohne es zu wissen. Andere bekommen einen der heftigsten Schmerzen, die eine Schulter verursachen kann.
Dieser Artikel erklärt, was Kalk in der Schulter ist, warum es plötzlich so wehtun kann, was die Forschung über Stoßwellenbehandlung, Ausspülung und Operation sagt und wie du Training nutzt, um die Schulter in Bewegung zu halten, während der Körper seine Arbeit macht. Die Kalkschulter gehört zur größeren Familie der Schulterschmerzen, die von den Sehnen ausgehen. Mehr darüber liest du im Ratgeber zu Schulterschmerzen.
Was ist Kalk in der Schulter?
Die Rotatorenmanschette besteht aus vier Muskeln, deren Sehnen wie eine Manschette um das Schultergelenk liegen. Bei manchen Menschen beginnen die Zellen in einer der Sehnen, Kalk abzulagern. Man weiß nicht genau, warum. Es ist kein Verschleiß, es ist nichts, was du gegessen hast, und es ist keine Verletzung, die du dir zugezogen hast. Es trifft am häufigsten Menschen zwischen 30 und 60 Jahren, und Frauen etwas häufiger als Männer (1).
Der Verlauf wird klassisch in drei Phasen beschrieben (2). In der ersten Phase bildet sich der Kalk, und davon merkst du meist nichts. In der zweiten Phase liegt der Kalk ruhig, und die Sehne kann etwas empfindlich oder ganz beschwerdefrei sein. In der dritten Phase beginnt der Körper, den Kalk wieder abzubauen. Die Ablagerung wird weich, schwillt an und drückt auf den Schleimbeutel, der darüber liegt. Diese Phase ist es, die wehtut. Oft richtig weh.
Kalk in der Schulter ist nicht selten. In einer niederländischen Untersuchung von über 1.200 Schultern fand man Kalk bei knapp 8 Prozent der Menschen ohne Schulterschmerzen und bei über 40 Prozent derer, die mit Schmerzen aus dem Bereich unter dem Schulterdach überwiesen worden waren (1). Mit anderen Worten: Kalk ist oft ein Nebenbefund, und es ist längst nicht sicher, dass der Kalk, den man auf einem Bild sieht, die Ursache dessen ist, was wehtut.
So fühlt es sich an
Es gibt zwei sehr unterschiedliche Arten, Kalk in der Schulter zu haben.
Die eine ist die ruhige. Die Schulter ist empfindlich, wenn du den Arm zur Seite oder über den Kopf hebst, es kann schwer sein, auf ihr zu liegen, und es sieht gewöhnlichen Schmerzen der Rotatorenmanschette zum Verwechseln ähnlich. Viele in dieser Gruppe haben es seit Monaten oder Jahren, ohne zu wissen, dass Kalk da ist.
Die andere ist die akute. Innerhalb weniger Tage, manchmal weniger Stunden, wird die Schulter so schmerzhaft, dass du den Arm nicht heben, nicht schlafen und dich kaum anziehen kannst. Der Schmerz sitzt tief in der Schulter und strahlt in den Oberarm aus. Das ist die Auflösungsphase, in der der Körper dabei ist, den Kalk aufzulösen. Sie ist dramatisch, aber sie ist auch ein gutes Zeichen: Der Körper ist dabei, das Problem zu beseitigen.
Die akute Phase dauert meist ein paar Wochen. Sie lässt sich an den schlimmsten Tagen mit Schmerzmitteln, Eis und Entlastung lindern, und in der Arztpraxis kann man dir eine Kortisonspritze anbieten, wenn der Schmerz unerträglich ist. Mehr darüber, was eine Spritze kann und was nicht, liest du unter Kortisonspritze in die Schulter.
Was sagt die Forschung zur Behandlung?
Hier unterscheidet sich die Kalkschulter von den meisten anderen Schulterbeschwerden. Bei gewöhnlichen Sehnenschmerzen ist die Antwort eindeutig: schrittweise steigendes Training. Bei Kalk in der Schulter gibt es darüber hinaus Behandlungen, die sich direkt gegen den Kalk richten. So sieht die Forschung dazu aus.
Der Kalk verschwindet oft von selbst. Das ist das Wichtigste, was du wissen solltest. Die Ablagerung wird über Monate bis Jahre abgebaut, und bei vielen verschwindet sie ganz, ohne andere Behandlung als Zeit und Training (2). Deshalb gibt es gute Gründe, mit einem Eingriff zu warten, wenn sich mit dem Schmerz leben lässt.
Stoßwellenbehandlung (ESWT) wird viel eingesetzt, aber die Belege sind schwächer als ihr Ruf. Eine Cochrane-Übersicht von 2020 über 32 Studien mit über 2.200 Teilnehmenden fand im Vergleich zu Placebo sehr wenige klinisch wichtige Vorteile von Stoßwellen und Unsicherheit über die Nebenwirkungen (3). Die Autoren weisen darauf hin, dass die Dosierungen zwischen den Studien so stark schwanken, dass manche vielleicht zu niedrige Dosen verwendet haben. Eine neuere Gesamtanalyse von 27 Studien findet, dass Stoßwellen eine spürbare Schmerzlinderung bringen, aber weniger als eine Ausspülung (4). Das Fazit ist nicht, dass Stoßwellen wirkungslos sind, sondern dass du keine Wunder erwarten solltest und dass es vernünftig ist, zuerst etwas anderes zu probieren.
Ausspülung (Barbotage) ist eine Behandlung, bei der der Arzt unter Ultraschallkontrolle eine Nadel in den Kalk sticht, ihn mit Kochsalzlösung ausspült und danach oft eine Kortisonspritze in den Schleimbeutel setzt. Eine niederländische randomisierte Studie verglich Ausspülung plus Spritze mit der Spritze allein. Nach einem Jahr ging es beiden Gruppen besser, aber die Gruppe mit Ausspülung hatte eine bessere Funktion, und der Kalk war stärker geschrumpft (5). In der Gesamtanalyse von 2023 war bei etwa zwei von drei nach einer Ausspülung kein Kalk mehr auf dem Röntgenbild zu sehen (4). Die Ausspülung ist deshalb eine vernünftige Möglichkeit, wenn die Schmerzen schon lange bestehen und Training und Zeit nicht geholfen haben.
Eine Operation, bei der der Kalk per Gelenkspiegelung entfernt wird, bringt ebenfalls gute Ergebnisse, aber mit einem größeren Eingriff, einem längeren Reha-Training und den Risiken, die eine Operation immer hat (4). Die Forschenden hinter der Gesamtanalyse empfehlen, Ausspülung und Stoßwellen zu probieren, bevor eine Operation in Betracht gezogen wird. Mehr dazu, wann eine Schulteroperation sinnvoll ist, liest du unter Solltest du an der Schulter operiert werden?.
Was nicht hilft
Längere Ruhe hilft nicht. Die akute Phase kann ein paar ruhige Tage erfordern, aber eine Schulter, die wochenlang stillgehalten wird, wird steif und schwach, und am Ende hast du zwei Probleme statt einem. Diäten, Nahrungsergänzungsmittel und „entkalkende“ Produkte haben keine belegte Wirkung auf Kalk in einer Sehne. Der Kalk in der Schulter hat nichts mit dem Kalk in deiner Ernährung zu tun.
Massage und Dehnen können sich gut anfühlen, aber sie entfernen keinen Kalk und ändern den Verlauf nicht. Mehr dazu unter Hilft Dehnen gegen Schulterschmerzen?.
Training, wenn du Kalk in der Schulter hast
Training entfernt den Kalk nicht. Aber Training entscheidet darüber, wie es deiner Schulter geht, solange der Kalk da ist, und wie sie funktioniert, wenn der Kalk weg ist. Das Ziel ist, die Beweglichkeit zu erhalten, die Muskeln um das Schulterblatt in Gang zu halten und die Steifheit zu vermeiden, in die eine schmerzende Schulter sonst hineingleitet.
Die Regel ist dieselbe wie bei anderen Schulterschmerzen: Schmerz bis 5 auf einer Skala von 0 bis 10 ist während der Übung in Ordnung, wenn er danach abklingt und am nächsten Morgen nicht schlimmer ist. In der akuten Phase wirst du oft schon beim Bewegen des Arms darüber liegen. Dann bleibst du bei den passiven Übungen, bei denen der gesunde Arm die Arbeit macht, und wartest mit dem Rest. Die Regeln liest du unter Darfst du mit Schulterschmerzen trainieren?
Alle Übungen unten stammen aus dem Katalog von Rehabo und brauchen keine Geräte. Dosierung: 3 Sätze von 30 bis 40 Sekunden, ruhiges Tempo, mit Pause dazwischen.
Schulterflexion: den Arm nach vorn heben
- Sitz oder steh mit dem Arm locker vor dir nach unten hängend.
- Stufe 1: Fass das Handgelenk mit der gesunden Hand und heb den Arm gerade nach vorn und oben. Der schmerzende Arm ist ganz locker.
- Stufe 2: Heb den Arm selbst nach vorn und oben, mit dem Daumen nach oben, nur so hoch es angenehm ist.
- Stufe 3: Mach dasselbe mit einer Wasserflasche in der Hand.
- Stufe 4: Steh mit dem Gesicht zur Wand, leg die Faust an die Wand und drück ruhig nach vorn, ohne dass sich der Arm bewegt. Bau den Druck über 2 bis 3 Sekunden auf, halte ihn gleichmäßig, atme weiter.
Wenn sich eine Stufe zweimal hintereinander leicht anfühlt und der Schmerz bei 3 oder darunter bleibt, gehst du eine Stufe höher.
Außenrotation: die Grundübung der Rotatorenmanschette
- Sitz oder steh mit dem Ellenbogen an der Seite, 90 Grad gebeugt.
- Stufe 1: Fass die Hand mit der gesunden Hand und führe den Unterarm nach außen, weg vom Bauch. Halte den Ellenbogen die ganze Zeit an der Seite.
- Stufe 2: Dreh den Unterarm selbst nach außen, ruhig, nur so weit es angenehm ist.
- Stufe 3: Leg dich auf den Bauch aufs Bett, den Oberarm über die Kante und eine Wasserflasche in der Hand. Dreh den Unterarm nach oben zur Decke und senk ihn langsam.
- Stufe 4: Steh mit dem Handrücken an einem Türrahmen und drück nach außen, ohne dass sich der Arm bewegt.
Scaption: der schonende Weg nach oben
- Steh aufrecht, den Arm seitlich am Körper und den Daumen nach oben.
- Stufe 1: Führe den Arm mit Hilfe der gesunden Hand schräg nach vorn und oben, in der Mitte zwischen gerade nach vorn und zur Seite.
- Stufe 2: Heb den Arm selbst in dieselbe Richtung, nur so hoch es angenehm ist.
- Stufe 3: Mach dasselbe mit einer Wasserflasche.
- Stufe 4: Heb bis auf Schulterhöhe und halte den Arm dort still, während du ruhig atmest.
Scaption ist die Richtung, in der die Sehnen unter dem Schulterdach am meisten Platz haben. Tut es weh, den Arm zur Seite zu heben, fängst du hier an.
Scapula-Liegestütze an der Wand
- Steh mit gestreckten Armen und den Handflächen an einer Wand auf Schulterhöhe.
- Lass die Brust zwischen den Schulterblättern nach vorn sinken, sodass sie sich einander nähern. Die Ellenbogen bleiben gestreckt.
- Drück dich weg, sodass sich die Schulterblätter voneinander entfernen und der Rücken breit wird.
- Beweg dich langsam vor und zurück.
- Steigerung: Stütz die Hände auf einen Tisch, dann auf ein Sofa, dann auf den Boden.
Die Muskeln um das Schulterblatt sind die, die das Schulterblatt drehen, wenn du den Arm hebst. Sie werden schnell träge, wenn die Schulter wehtut, und sie sind die ersten, die du wieder mit ins Boot holen solltest.
Hol dir ein Schulterprogramm, das sich anpasst
Rehabo stellt ein Reha-Programm für die Schulter zusammen, je nachdem, wo und wie stark es wehtut. Du bekommst vier Übungen pro Training ohne Geräte, und nach jeder Übung gibst du an, wie weh es getan hat. Das Programm geht eine Stufe höher, bleibt oder geht eine Stufe zurück, je nach deiner Antwort. Es wurde von Physiotherapeuten entwickelt, und der Einstieg ist kostenlos.
Stell dein Schulterprogramm zusammen
Wann solltest du zum Arzt?
Du brauchst keinen Arzt, um mit dem Training einer schmerzenden Schulter anzufangen. Aber Kalk in der Schulter ist eine der Beschwerden, bei denen die Ärztin oder der Arzt tatsächlich etwas anbieten kann, deshalb lohnt es sich, die Grenzen zu kennen.
Geh in deine Hausarztpraxis, wenn der Schmerz so heftig ist, dass du nicht schlafen oder den Arm nicht benutzen kannst, denn es gibt Linderung. Geh auch hin, wenn sich die Schulter nach etwa 12 Wochen regelmäßigem, steigendem Training nicht bewegt hat, denn dann ist es sinnvoll, über eine Ausspülung zu sprechen. Und lass dich noch am selben Tag untersuchen, wenn die Schulter rot, warm und geschwollen ist, du Fieber hast oder sich der Schmerz überhaupt nicht verändert, wenn du den Arm bewegst. Das ist kein Kalk, und es muss untersucht werden.
Fazit
- Kalk in der Schulter ist eine Kalkablagerung in einer der Sehnen der Rotatorenmanschette. Es ist weder Verschleiß noch eine Verletzung, und es trifft am häufigsten Menschen zwischen 30 und 60.
- Kalk ist häufig ein Nebenbefund. Knapp 8 Prozent der Menschen ohne Schulterschmerzen haben ihn.
- Der heftige, akute Schmerz ist der körpereigene Abbau des Kalks. Er dauert meist Wochen und ist ein Zeichen, dass der Kalk auf dem Weg nach draußen ist.
- Stoßwellen haben schwächere Belege als ihr Ruf. Die Ausspülung unter Ultraschall ist besser belegt, wenn der Schmerz lange anhält. Eine Operation ist der letzte Ausweg.
- Training entfernt den Kalk nicht, entscheidet aber darüber, wie die Schulter in der Zwischenzeit und danach funktioniert. Fang mit den passiven Übungen an und geh höher, wenn es leicht ist.
Quellen
- Louwerens JK et al. Prevalence of calcific deposits within the rotator cuff tendons in adults with and without subacromial pain syndrome. Journal of Shoulder and Elbow Surgery 2015. PubMed
- Uhthoff HK, Loehr JW. Calcific Tendinopathy of the Rotator Cuff: Pathogenesis, Diagnosis, and Management. Journal of the American Academy of Orthopaedic Surgeons 1997. PubMed
- Surace SJ et al. Shock wave therapy for rotator cuff disease with or without calcification. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020. PubMed
- Angileri HS et al. Chronic calcific tendonitis of the rotator cuff: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials comparing operative and nonoperative interventions. Journal of Shoulder and Elbow Surgery 2023. PubMed
- de Witte PB et al. Calcific tendinitis of the rotator cuff: a randomized controlled trial of ultrasound-guided needling and lavage versus subacromial corticosteroids. American Journal of Sports Medicine 2013. PubMed